Curb-Cut-Effekt: Wie digitale Barrierefreiheit die Usability für alle verbessern kann

Publiziert am 02.04.2025

Wer mit einem Kinderwagen, Rollkoffer oder Fahrrad unterwegs ist, weiss, wie wertvoll abgesenkte Randsteine sind. Ursprünglich für Rollstuhlfahrer:innen eingeführt, erleichtern sie allen den Alltag. Genau dieses Phänomen beschreibt der sogenannte Curb-Cut-Effekt: Eine Anpassung für eine bestimmte Gruppe von Menschen verbessert die Nutzung für (fast) alle.

Der Curb-Cut-Effekt im Internet

Dieses Prinzip zeigt sich auch im digitalen Raum. Funktionen, die ursprünglich für Menschen mit Beeinträchtigungen entwickelt wurden, optimieren die Benutzerfreundlichkeit für alle. Barrierefreie Webseiten und Apps verbessern die User Experience für alle Nutzer:innen und erhöhen das Ansehen des Unternehmens.

Beispiele: Wie Barrierefreiheit die UX verbessert

1. Voice Assistants: Von Barrierefreiheit zur Alltagslösung

Sprachassistenten wie Siri oder Alexa wurden ursprünglich für Menschen mit motorischen Einschränkungen entwickelt. Heute nutzen sie Millionen von Menschen, sei es beim Autofahren, Kochen oder zur Steuerung smarter Haushaltsgeräte. Sie erleichtern den Alltag, sparen Zeit und machen Technologie zugänglicher.

2. Closed Captions

Closed Captions (CC) wurden ursprünglich für gehörlose Menschen entwickelt, doch ihr Nutzen ist weitreichender. Das Verhalten von Mobile-Nutzer:innen hat sich zunehmend verändert. Videos in lauten oder öffentlichen Umgebungen (z. B. öffentliche Verkehrsmittel) werden oftmals ohne Ton konsumiert – gerade die Generation Z konsumiert besonders viel Videos ohne Ton. Closed Captions sind daher unerlässlich, um die Botschaft eines Videos effektiv zu vermitteln.

Closed Captions enthalten nicht nur den gesprochenen Text wie Untertitel, sondern beschreiben auch wichtige Hintergrundgeräusche, Musik und andere auditive Informationen. Gerade Menschen mit Hörbehinderungen profitieren davon, um das Video vollständig zu verstehen.

Auch Menschen, die eine Sprache noch nicht gut beherrschen, profitieren von Closed Captions zur besseren Verständlichkeit. Darüber hinaus verbessern Untertitel das Textverständnis und helfen Menschen mit Konzentrationsschwierigkeiten oder Lernschwierigkeiten.

3. Hoher Kontrast und flexible Schriftgrössen

Hoher Kontrast und grössere Schriftgrössen erleichtern Menschen mit Sehbehinderungen das Lesen. Auch Menschen in hellen Umgebungen oder mit schlechten Bildschirmen profitieren – beispielsweise beim Lesen von Nachrichten im Freien, wenn die Sonne blendet. Ein hoher Kontrast und eine vergrösserte Schrift können den Unterschied zwischen Frustration und mühelosem Lesen ausmachen. Websites mit selbst anpassbarer Typografie sorgen für eine angenehme Nutzung unter verschiedensten Bedingungen.

4. Einfache Sprache und logische Struktur

Komplexe Satzstrukturen und Fachjargon erschweren das Verständnis für viele Nutzer:innen. Eine klare Sprache mit verständlichen Begriffen hilft nicht nur Menschen mit kognitiven Einschränkungen, sondern auch Personen, die in Eile oder müde sind oder die Sprache nicht als Muttersprache sprechen. Dazu ermöglicht eine gut durchdachte Struktur eine leichtere Navigation – sowohl für Nutzer:innen, die die Inhalte mehrheitlich nur scannen, als auch für Screenreader-Nutzer:innen, die über Titel navigieren.

Wie Unternehmen Barrierefreiheit umsetzen können

Es braucht keine grossen Investitionen, um mit digitaler Barrierefreiheit zu starten. Hier sind einige Quick Wins für bessere UX dank Barrierefreiheit:

  • Untertitel & Transkripte für Videos: Die YouTube Autocaption-Funktion ermöglicht eine einfache Zugänglichkeit. Praktische Tools wie Otter.ai generieren automatische Transkripte für Videos.
  • Einfache Sprache und klare Struktur: Jargon vermeiden oder die Bedeutung von Fachbegriffen erklären. Überschriften sollen der Strukturierung und nicht der visuellen Darstellung dienen.
  • Alt-Texte für Bilder zur Beschreibung für Screenreader: Die nachfolgende Grafik dient als Schema zur Entscheidung, wie ein Alt-Text geschrieben werden soll:
    • Alt-Attribut leer lassen, wenn nur dekorativer Zweck
    • Funktion des Bildes für bspw. Icons, welche als Button verwendet werden
    • Beschreibung der Bildaussage, wenn wichtige Informationen im Bild vorhanden sind
    • “long description” nutzen oder Erläuterung im Body Text für komplexe Infografiken
  • Gute Kontraste und skalierbare Schriftarten: Sicherstellen, dass wichtige Elemente ausreichend Kontrast aufweisen und für alle User:innen wahrnehmbar sind. Skalierbare Schriftarten sorgen dafür, dass Inhalte auf mobilen Geräten lesbar bleiben, und ermöglichen sehbeeinträchtigten Nutzer:innen, ihre bevorzugte Zoomstufe zu nutzen.
  • Barrierefreie Formulare: Alle Eingabefelder haben ein verständliches Label, das den Screenreader-Nutzer:innen erklärt, welche Eingabe von ihnen gefragt ist. Zudem ist es wichtig, dass Nutzer:innen darüber informiert werden, wenn Fehler bei der Eingabe auftreten. Stelle sicher, dass Fehler nicht nur farblich, sondern auch mit einem Symbol markiert sind. Insbesondere Fehlermeldungen sollten mit klaren Hinweisen und nicht mit generischen Meldungen angezeigt werden.

Warum sich digitale Barrierefreiheit für Unternehmen lohnt

Barrierefreiheit bietet nicht nur einen Mehrwert für Nutzer:innen, sondern auch für Unternehmen:

1. Erweiterung der Zielgruppe

Nicht nur permanente Behinderungen spielen eine Rolle. Temporäre Einschränkungen wie ein gebrochener Arm, Ablenkung durch Multitasking wie Autofahren oder Kleinkinder hüten oder Sprachbarrieren können ebenfalls zu Hindernissen werden. Unternehmen, die ihre Inhalte barrierefrei gestalten, erreichen eine breitere Zielgruppe und vergrössern ihre Reichweite.

2. SEO-Vorteile & bessere Usability

Barrierefreie Webseiten haben oft eine klare Struktur, verständliche Inhalte und eine optimierte Navigation. Das verbessert nicht nur die Nutzungserfahrung, sondern auch die Sichtbarkeit in Suchmaschinen:

  • Bessere Navigation steigert die Benutzerfreundlichkeit und verringert die Absprungrate.
  • Untertitel und Transkripte verbessern die Auffindbarkeit von Videos sowie Indexierung deren Inhalte.
  • Saubere Struktur mit sinnvollen Headings hilft User:innen und Suchmaschinen beim besseren Verstehen der Inhalte.

3. Positives Markenimage & Innovationsförderung

Unternehmen, die sich für inklusives Design einsetzen, werden als sozial verantwortlich und innovativ wahrgenommen. Zudem führt die Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit oft zu besseren, durchdachteren Produkten, die allen Nutzer:innen zugutekommen.

Der Curb-Cut-Effekt zeigt, dass Barrierefreiheit nicht nur für eine kleine Gruppe von Vorteil ist. Digitale Inklusion verbessert die Usability für alle und steigert gleichzeitig SEO, Reichweite und Markenimage. Unternehmen, die jetzt handeln, profitieren langfristig – und setzen ein starkes Zeichen für eine zugängliche digitale Zukunft.


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